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Deklamation

Die Singmethode der Editio Vaticana setzt das Können der Deklamation des Textes voraus. "Deklamation ist der sinngemäße Vortrag eines Textes", lesen wir im Duden. Was den Sinn eines Textes ausmacht, seine Grundbedeutung, das muß in der Rede und folglich auch im Gesang hervorgehoben, betont werden. Ohne Deklamation wird der gesungene Text farblos, monoton, sinnlos.

Nehmen wir als Beispiel: "...ut mens nostra concordet voci nostrae."
Auf Deutsch: "... damit unser Geist (Glaube) mit unserem Gesang übereinstimmt."
Zwei Worte sind in diesem Satz von Bedeutung und müssen hervorgehoben werden: mens (Geist, Verstand, Gesinnung) und voci (mit der Stimme, im Ausdruck). Sie bedingen sich gegenseitig: Glaubt man, was man singt und deklamiert die Hauptbegriffe, so wird der gesungene Text feierlich verkündet; tritt aber der Gesang (die Stimme) im Vordergrund, so wird der Text dadurch flach, platt, sinnlos.
Ignaz Mitterer (1850-1924) gibt in seinem Buch Praktischer Leitfaden für den Unterricht im Römischen Choralgesang wertvolle Hinweise wie der Text sprachlich und gesanglich behandelt werden muß. Er schreibt:

"Neben dem richtigen Erfassen und Treffen der Tonintervalle ist ein weiteres Moment zum Erzielen eines schönen Gesangvortrages von hoher Bedeutung, nämlich der korrekte und schöne Vortrag des Textes. Übungen, um einen solchen zu erzielen, sind im Choralunterricht sehr wichtig, da gerade hierin vielleicht die meisten und für die Schönheit des Gesangs verhängnisvollsten Fehler gemacht werden.[...] Man verbinde sorgfältigst, was dem Sinne nach zusammen gehört, und trenne, was auseinander gehört. Vor allem beobachte man sorgfältigst die Absatzzeichen (Interpunktionen). Bei den größeren Interpunktionen, welche Hauptsätze voneinander trennen (. : ! ?), ist ein größerer Absatz zu machen, als bei den kleineren (; ,). Nichts ist widerlicher, als einen Vorleser zu hören, der, sei es aus Eilfertigkeit oder Ungeschicklichkeit, ohne Beobachtung der naturgemäßen Absätze lange Abschnitte in einem Atem herunterhaspelt, bis er endlich durch Atemlosigkeit zum Innehalten genötigt ist, was dann meist an einer Stelle geschieht, wo nicht einzuhalten wäre. Die Absätze müssen um so länger gemacht werden, je langsamer die Rezitation vor sich geht. Langsamer muß ein ganzer Chor rezitieren als ein einzelner; langsamer muß auch gesprochen werden in einem großen Raum, als in einem kleineren. Auch die einzelnen Worte des Satzes sollen durch eine kleine, fast unmerkliche Pause (tempus latens bei Quintiliánus) auseinander gehalten und nicht so eng zusammen gesprochen werden, wie die Silben eines und desselben Wortes. Ganz besonders muß man sich diese Regel dann vor Augen halten, wenn ein Wort mit einem Vokal auslautet, das nächste aber mit einem Vokal anlautet, zum Beispiel Kyrie | eléison, nicht Kyrieleison, Veni | elécta mea, nicht Venielectamea."

Ein weiterer Moment zu einer guten Deklamation besteht in der korrekten Mundöffnung bei der Aussprache der Vokale. Pater Ambrosius Kienle (1852-1905) schreibt diesbezüglich:

"Der Klang des Vokals soll während der ganzen Tondauer der gleiche sein; die Mischvokale ae und oe darf man des besseren Klanges wegen bei längerer Modulation dem e nähern (coe-e-e-oelum). Die Doppellaute muß man im Singen, wenigstens wenn sie nicht ganz kurze Töne haben, von einander trennen, auf dem ersten Laut die ganze Melodie singen und erst im letzten Ton den Doppellaut hören lassen; lauda singe man la-a-a-auda; ebenso e-e-e-euge."

Mit Hilfe von Zeichnungen hat Joseph Gogniat (1881-1954) die Stellung der Zunge und die Form des Mundes für jeden Vokal angezeigt:

Das lateinische a muß rein, hell und klar sein ; nichts Dunkles oder Verschwommenes darf es bieten. Alma  soll alma und nicht älmä oder sogar olmo sein.

Das e ist ein offenes und helles e. Es soll stets wie ä gesprochen und gesungen werden. Celériter  wird tschäläritär gesungen.

Das i muß auf den Lippen breit und scharf gesungen werden. Es setzt ein gewisses „Lächeln“ voraus. Milítia soll mi-lí-tsi-a und nicht mé-lé-tsé-io oder so-gar mü-lü-tsü-iö gesungen werden. Kýrie soll Kírie und nicht etwa Kürie gesungen werden. Die Singmethode der Editio Vaticana verlangt die saubere und klare Aussprache der Vokale. Sie werden ja ausschließlich bei der Ausführung der langen Melismen verwendet. Die Aussprache des y als i und nicht ü empfiehlt auch Pater Ambrosius Kienle: „Das griechische y kann man wie i aussprechen.“

Für das Singen des o werden die Lippen zusammengezogen und vorgeschoben.

Für das Singen des u werden die Lippen, wie für o zusammengezogen aber noch weiter nach vorne geschoben.
Es gibt zwei Doppellaute: ae und oe, die wie ä und ö gesprochen beziehungsweise gesungen werden müssen: caeli soll tschäli und moerens soll mörens gesungen werden.

Mundstellung und Tonbildung sind außerordentlich wichtig, denn nur so können die langen Melismen des Graduale und Allelúia musikalisch korrekt ausgeführt werden. Vor allem aber kann dadurch der Text verständlich gesungen werden, denn der Zweck der Musik im Gottesdienst ist nicht vordergründig die ästhetische Wahrnehmung der Musik als Kunst, sondern die feierliche Verkündigung des Wortes Gottes.

Öffnen Sie bitte durch Anklicken folgende Beispiele, in denen die Deklamation sprachlich und gesanglich dargelegt wird. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

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